Offenes Schreiben an Herrn Ernst von Weber,
Verfasser der Schrift:
"Die Folterkammern der Wissenschaft" (1879)

Wagner verfasste die gegen Tierversuche gerichtete Schrift im Herbst 1879. Das "Offene Schreiben" wurde zuerst in den "Bayreuther Blätter" veröffentlicht, 1880 als eigenständige Broschüre publiziert und später in seine "Gesammelten Schriften und Dichtungen" aufgenommen.

Richard von Weber war ein bekannter Reiseschriftsteller und einflussreicher Propagandist für die deutschen Kolonien in Afrika. 1879 veröffentlichte er "Die Folterkammer der Wissenschaft" und begann damit eine Kampagne für das Verbot der "Vivisektion", der wissenschaftlichen Tierversuche. Damit wurde Weber zu einem der ersten Vertreter des modernen Tierschutzes in Deutschland; seine Schrift wurde in zahlreichen Auflagen nachgedruckt. Zur Unterstützung seiner Kampagne gründete Weber in seiner Heimatstadt Dresden den "Internationalen Verein für die Bekämpfung der wissenschaftlichen Thierfolter". Prominentes Mitglied war Franz Liszt, der durch seine langjährige Freundin Marie Esperance von Schwartz zum Eintritt in den Verein bewegt wurde.

Wagner war Tierliebhaber; er besaß zeitlebens Hunde, zu denen er ein starkes emotionales Verhältnis entwickelte. Der Tod eines seiner Hunde ließ ihn lange trauern, die verstorbenen Tiere wurden von ihm würdevoll bestattet. Auch sein letzter Hund Rust erhielt ein Grab im Garten der Villa Wahnfried neben Wagners eigener Gruft. In Zürich geriet Wagner 1856 in einen heftigen Streit mit einem Kutscher, der sein Pferd grausam schlug, und Wagner bot ihm Geld an, um sich ein anderes Pferd zu kaufen. Der Vorfall erregte öffentliche Aufmerksamkeit, und der Zürcher Tierschutzverein dankte Wagner für seinen Einsatz.

Im Juli 1879 erhielt Wagner den Brief einer Tierschützerin aus Wiesbaden, die ihn darum bat, öffentlich gegen Tierversuche Stellung zu nehmen. Wagner sagte sofort seine Unterstützung zu, und empfing am 8. August Ernst von Weber zu einem längeren Gespräch in der Villa Wahnfried. Wenig später wurde Wagner Mitglied im bereits 1876 gegründeten Bayreuther Tierschutzverein und vertiefte sich in die Lektüre der Schriften der Tierversuchsgegner. Um das "Offene Schreiben" zu verfassen, unterbrach Wagner sogar für kurze Zeit die Arbeit an "Parsifal". Für Wagner waren die ethischen Fragen der Tierversuche Ausgangspunkt für eine grundlegende Gesellschaftskritik. Er kritisierte den "Nützlichkeits-Kultus" der modernen Wissenschaften und argumentiere, die wahre Erkenntnis nicht im Labor, sondern nur durch die genaueste Erforschung der menschlichen Gefühle möglich sei. In deutlicher Anlegung an die Philosophie Schopenhauers wurde "Mitleid" zu einer zentralen Kategorie, Wagner betrachtete die Geschichte der Menschheit und der Religionen danach, wie sie sich zu dem Leid der Tiere verhielten. Verständnis äußerte er für einen Einbruch in ein Leipziger Versuchslabor, der Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei angelastet wurde: "Wer möchte nun aber nicht Sozialist werden, wenn er erleben sollte, daß wir von Staat und Reich mit unserem Vorgehen gegen die Fortdauer der Vivisektion und mit der Forderung der unbedingten Abschaffung derselben, abgewiesen würden?"

Wagner erlaubte, dass sein "Offenes Schreiben" nachgedruckt und kostenlos verteilt wurde. Als Teil einer Kampagne radikaler Tierschützer, die in einigen Fällen auch als Protagonisten der antisemitischen Bewegung in Erscheinung traten, war seine Schrift Teil einer öffentlichen Debatte, die 1885 zu einer ersten moderaten Beschränkung der Tierversuche durch den preußischen Kultusminister Gustav von Goßler führte.